Im Mai letzten Jahres war unser Kollege Thomas Wilhelm mitten in der Nacht digital einer Uni in Vietnam zugeschaltet, um einen Vortrag zu Shared Leadership als alternatives Führungsmodell zu halten. Der folgende Text ist ein gekürzter Auszug aus seinem Handout, die vollständige Version kann unten heruntergeladen werden.
Anfang dieses Jahres haben wir eine Umfrage unter 1.000 Managern und Teamleitern durchgeführt und sie gefragt: Wie erschöpft haben Sie sich in den letzten Monaten gefühlt? Die Antwort war niederschmetternd: 61 % der Teilnehmer hatten sich erschöpft gefühlt. Das ist eine erschreckend hohe Zahl.
Ein Grund für dieses überraschende Ausmaß an Erschöpfung ist, dass Führung immer noch als einsame Aufgabe einer einzelnen Person, meist des offiziellen Teamleiters oder Managers, wahrgenommen wird. Für viele Führungskräfte fühlt sich dies wie eine echte Belastung an.
Wir haben ein fehlerhaftes Bild von Führung, wie Alexander Haslam et al. in ihrem aufschlussreichen Artikel „Zombie Leadership“, der 2023 in der Zeitschrift Leadership Quarterly veröffentlicht wurde, aufzeigen. Sie zeigen überzeugend, dass unserem Konzept von Führung viele Mythen zugrunde liegen. Hier sind einige dieser Mythen:
– Bei der Führung geht es nur um Führungskräfte.
– Es gibt bestimmte Qualitäten, die alle großen Führungskräfte „haben“.
– Es gibt bestimmte Dinge, die alle großen Führungskräfte tun.
– Alle Führungsqualitäten sind gleich.
– Führung ist eine besondere Fähigkeit, die auf besondere Menschen beschränkt ist.
Was ist geteilte Führung?
Führung ist im Wesentlichen eine Beziehung zwischen Führungskräften und Gefolgsleuten, die ein bestimmtes Ziel oder eine bestimmte Aufgabe zu bewältigen haben. Führung findet in einer Dreiecksbeziehung statt, die Ziele, Gefolgsleute und Führer umfasst. Führung ist also eher ein Prozess, bei dem einige führen und andere entscheiden, ob sie bereit sind zu folgen.
Wenn wir Führung so betrachten, sind wir nicht gezwungen, Führung nur mit einer formalen Rolle zu assoziieren, wie z. B. dem offiziellen Teamleiter oder Manager. Im Gegenteil, die Führung kann innerhalb eines Teams fluktuieren.
Dies bringt mich zu meiner Definition von Shared Leadership. Unter Shared Leadership verstehe ich folgendes: Shared Leadership ist ein dynamischer, interaktiver Prozess des gegenseitigen Führens und Folgens, bei dem die Führungsaufgaben auf mehrere Personen verteilt werden. Ich sehe Shared Leadership ein bisschen wie eine Jazzband.
In einer Jazzband ist die Führung fließend und wechselt oft während eines Auftritts. Verschiedene Musiker übernehmen abwechselnd die Leitung der Gruppe, z. B. wenn ein Saxophonist für ein Solo nach vorne tritt, während der Rest der Band ihn unterstützt. Dies spiegelt das Modell der geteilten Führung wider, bei dem die Führungsrollen nicht festgelegt sind, sondern je nach Situation, Fachwissen oder spezifischer Aufgabe rotieren. Der Beitrag eines jeden Mitglieds ist für den Gesamtsound entscheidend. In ähnlicher Weise beruht die geteilte Führung auf einer starken Zusammenarbeit, bei der der Beitrag jedes Teammitglieds geschätzt wird.
Es gibt verschiedene Versionen von Shared Leadership:
– Top Sharing oder Co-Leadership-Modelle: Zwei Personen teilen sich eine offizielle formale Führungsposition.
– Kollektive Führung: Führungsaufgaben und -rollen werden auf die Teammitglieder verteilt.
Der vollständige Text kann hier heruntergeladen werden (englischsprachig): Shared Leadership Handout
Es enthält mehr und weiterführende Informationen sowie Beispiele.