Kritische Fragen zur Kuschelautorität

Kritische Fragen zur Kuschelautorität

Kritische Fragen zur Kuschelautorität 1222 815 Randolf Jessl

Martin Claßen ist Berater und ausgewiesener Fachmann für Fragen des Change und des People Managements. Der Freiburger verschickt einen viel beachteten Newsletter, der immer wieder kritisch und streitbar aktuelle Fragen rund um seine Themen aufgreift. Im April durfte Randolf mit ihm die Klinge kreuzen.

Drei Fragen sind es, die Martin Claßen nach der Lektüre unserer Studie „Wem folgt Deutschland? Eine Studie zu Autorität und ein Modell für die Praxis“ besonders beschäftigen. Sie alle reflektieren Martins Eindruck, dass wir mit unserem Ansatz doch sehr einer Kuschelautorität verhaftet sind.

Frage 1

Ist das schöne Autoritätsverständnis aus „Gemeinschaft, Entfaltung und Verständnis“ und der aus Eurer Befragungsstudie entwickelte Autoritätscode nicht primär etwas für Menschenfischer im Feuilleton, auf dem Podium oder zur Marktpositionierung?

Randolfs Antwort: Nein. Der Autoritäscode erklärt, wann und warum jemand als Autorität wahrgenommen wird. Das gilt für Menschenfischer, die ich als Menschen beschreibe würde, die die freiwillige Gefolgschaft anderer gewinnen. Und es gilt für Menschenschinder, die Gefolgschaft mit Gewalt erzwingen. Wer Gefolgschaft gewinnen will, muss mit Substanz und Habitus überzeugen. Wer Gefolgschaft erzwingen will, kann dies über Status und Macht tun und muss sich nicht scheren, ob seinem Denken, Sagen und Tun irgendwelche Substanz zugemessen wird und sein Habitus die Hirne und Herzen der Menschen erreicht.

Frage 2

Bewegen sich Leader, die in Organisationen vom Denken über das Sprechen ins Handeln kommen wollen, nicht stets im Spannungsfeld zwischen positiv besetzter und negativ bewerteter Autorität, mit Schlagseite hin zur Macht und Mikropolitik, weil beides bei der Durchsetzung von Entscheidungen weiterhin unverzichtbar ist?

Randolfs Antwort: Ja. Wer mit Wissen, Vorbild und Überzeugungskraft in konkreten Situationen keine freiwillige Gefolgschaft gewinnt und sich dennoch durchsetzen will, muss diese Gefolgschaft mit Machtmitteln, Mikropolitik et cetera erzwingen und Substanz, Habitus und Status auf eine eher „aggressiv-autoritäre“ Art einsetzen.

Frage 3

Ist es nicht sogar so, dass bei glorifizierten Ikonen, die bei konkreten Entscheidungen gegen die Interessen und Ideologien ihrer Fans argumentieren, sehr schnell der Lack ab ist, wenn sie vom Modus Storytelling in den Modus Realisierung schalten?

Randolfs Antwort: Das glaube ich nicht. Autorität gewinnt man nicht durch eine richtige Entscheidung, eine grandiose Veröffentlichung, eine Anerkennung bringende Tat, sondern durch viele. Da zählt die Summe der Erfahrungen, die andere dazu bewegen, die Person irgendwann als Autorität anzusehen. Wer Autorität hat, kann daher denen, die ihr/ihm diese zubilligen, auch etwas zumuten. Gerade in der Vermutung, dass diese Person es besser weiß und mehr Erfahrung hat, steckt das Potenzial, dass Skeptiker und Kritiker auch ab und an gegen die eigenen Interessen oder Meinungen der Autorität folgen. Der Lack ist dann schnell ab, wenn im Lichte ausbleibender Erfolge, falscher Entscheidungen, nachweislicher Fehler die Potenzvermutung der fraglichen Person leidet.

Den Beitrag aus Martin Claßens Newsletter vom April 2019 finden Sie im Volltext hier zum Download. Zusammen mit seiner Einführung ins Thema.

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Foto: Marco Bianchetti on unsplash

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